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Menschen auf
der anderen Seite der Galaxis? Rund 80.000 (sic!) Lichtjahre entfernt von der
guten, alten Erde? Wie kann das sein? Sie nennen sich selbst auch Menschen
und leben in Raum- Habitaten, betreiben interstellare, überlichtschnelle
Raumfahrt und sind in der sogenannten GETRAS (Gemeinschaft Transhumaner
Stellarier) organisiert. Diese mächtige Sternenzivilisation befindet sich am
nordwestlichen Rand der Galaxis, ziemlich exakt gegenüber der südöstlichen
Erdposition, weshalb durch die Sichtabdeckung des galaktischen Zentrums,
wenig bis nichts über dieses Raumgebiet bekannt war.

Im Jahre 261
NSZ (Neuer Stellarer Zeit) hat sich die Menschheit der Stellaren GETRAS über tausende Lichtjahre ausgedehnt und mit
mehreren Alien Zivilisationen Kontakt aufgenommen. Die GETRAS ist eine
genetisch und nanotechnisch optimierte Zivilisation, die sich aus nicht nur
menschlichen humanoiden Arten zusammensetzt. Die Schiffe und Habitate, welche
die ursprüngliche Allianz aus drei Habitaten im trinären TRISOL System
bilden, benötigten gegenseitige Unterstützung, um ihre Unabhängigkeit von den
damals dominierenden, politischen Machtstrukturen zu erlangen und zu
verteidigen.
Auszüge aus
der (angepassten) Weltraumzivilisationen Theorie von Ian Bank:
Die Galaxis
(unsere Galaxis die Milchstraße) ist ein Ort, der seit Urzeiten bewohnt und
mit einer Vielzahl von Lebensformen übersät ist. In ihrer langen und
verwickelten Geschichte hat sie Wellen von Imperien, Föderationen,
Kolonisationen, Niedergängen, Kriegen, artenspezifischen dunklen Zeitaltern,
Renaissancen, Perioden von Megastrukturbildungen und Zerstörung und ganze
Zeitalter angenehmer Bedeutungslosigkeit und unheilvoller Nachlässigkeit
gesehen. In der Zeit der GETRAS gibt es vielleicht ein Dutzend bedeutende,
raumfahrende Zivilisationen, Hunderte von unbedeutenderen, Arten, die
vielleicht eine Raumfahrt entwickelten, und eine unbekannte Anzahl von
Zivilisationen, die diese Schwelle nie erreichten.
Die GETRAS,
in ihrer Geschichte und augenblicklichen Organisationsform, ist ein Ausdruck
der Idee, dass die absolut lebensfeindliche Beschaffenheit des Weltraums an
sich festlegt, welche Arten von Zivilisationen dort gedeihen werden.
Die
Denkprozesse eines Stammes, einer Sippe, eines Landes oder einer
Volksgemeinschaft sind im Wesentlichen zweidimensional, und das Wesen ihrer
Macht hängt von der Fläche ab. Territorien sind von größter Wichtigkeit;
Rohstoffe, Lebensraum, Kommunikationsverbindungen – alle sind durch die
Beschaffenheit der Fläche bestimmt (dass die Fläche in Wahrheit eine Kugel
ist, ist hier unmaßgeblich). Diese Oberfläche, und die Tatsache, dass die
betreffenden Arten während ihrer Evolution an sie gefesselt sind, bestimmen
die Gedankenwelt einer bodenverhafteten Spezies. (Die Gedankenwelt einer
Meeres- oder Luftspezies ist naturgemäß ziemlich verschieden davon.)
Im
Wesentlichen ist von der Annahme auszugehen, dass unsere im Augenblick
vorherrschenden Machtordnungen im unendlichen, lebensfeindlichen Raum des
Weltalls nicht lange überleben könnte; jenseits einer gewissen
technologischen Stufe ist ein mindest Maß von Anarchie wohl unvermeidlich und
sowieso vorzuziehen.
Schiffe und
Habitate müssen, um im Raum überleben zu können, autark oder nahezu autark
sein. Die Gewalt des Staates (oder des Konsortiums) über sie wird daher
abgeschwächt werden, wenn die Wünsche der Bewohner wesentlich mit den
Vorschriften der herrschenden Organe in Konflikt geraten. Auf einem Planeten
können Enklaven umzingelt, belagert und angegriffen werden; die überlegenen
Kräfte eines Staates oder eines Konsortiums – im Folgenden als Hegemonien
bezeichnet – neigen dazu, die Oberhand zu behalten.
Im Weltraum
wird eine Sezessionsbewegung wesentlich schwerer einzudämmen sein, besonders
dann, wenn sich wichtige Teile davon auf bewegliche Schiffe und Habitate
stützen. Die lebensfeindliche Beschaffenheit des Vakuums und die
technologische Komplexität von Lebenserhaltungsmechanismen, wird solche
Systeme gegenüber direkten Angriffen verletzlich machen; aber das würde
natürlich das Risiko einer vollständigen Zerstörung des Schiffes (bzw. des
Habitats) mit sich bringen und damit seinen zukünftigen ökonomischen Beitrag
zu dem Gebilde – welches auch immer versucht hat, es zu kontrollieren –
unmöglich machen.
Völlige
Zerstörung rebellischer Schiffe oder Habitate bleibt natürlich eine
Möglichkeit für die kontrollierende Macht, aber alle üblichen Regeln von
Realpolitik im Falle eines Aufstands treffen immer noch zu, insbesondere
jene, die sich auf die eigenartige Dialektik abweichender Positionen bezieht.
Sie besagt Folgendes: wenn es in einer größeren Bevölkerung einhundert
Rebellen gibt, und sie werden alle gefasst und getötet, wird die Anzahl der
Rebellen danach nicht Null sein oder auch nur einhundert, sondern zweihundert
oder dreihundert oder mehr. Das ist eine sich auf die menschliche Natur
gründende Gleichung, die die militärischen und politischen Geister häufig zu
verblüffen scheint. Eine Rebellion wird dann (sobald das Reisen und Leben im
Raum alltäglich wird) leichter, als sie auf der Oberfläche eines Planeten
wäre.
Obwohl dies
sicher der kritische Moment in der Entwicklung der GETRAS ist. Der Punkt, an
dem es am leichtesten ist, zu argumentieren, dass die Dinge auch ganz anders
hätten ausgehen können, weil die Macht und die Erfahrung der hegemonialen
Kontrollmechanismen – und ihre Fähigkeit und ihr Wille zu unterdrücken –
gegen Einfallsreichtum, Geschicklichkeit, Solidarität und den Wagemut der
rebellischen Schiffe und Habitate antreten. Man kann davon ausgehen, dass
dieser Punkt zuvor erreicht worden ist, und die Hegemonie den Sieg
davongetragen hat …
Aber man
kann ebenso davon ausgehen, dass dieser Moment gezwungenermaßen erneut
eintreten wird, und während die Kräfte der Unterdrückung immer wieder
gewinnen müssen, brauchen die revolutionären Elemente nur einmal zu
triumphieren.
Damit
verbunden ist das Argument, dass das Leben im Raum – seine Verletzlichkeit –
bedeutet, dass Schiffe und Ansiedlungen leichter voneinander und von ihren
vorgesetzten Hegemonien unabhängig werden können. Ihre Besatzungen oder
Bewohner hingegen sind sich immer ihrer Abhängigkeit voneinander und von der
Technologie, die es ihnen erlaubt, im Raum zu überleben, bewusst. Diese
Theorie besagt, dass die Eigenschaften und sozialen Beziehungen von
Langzeit-Raumbewohnern (besonders über Generationen hinweg) von grundlegend
anderer Art sein werden als die von Planetenbewohnern. Die wechselseitige
Abhängigkeit, die eine lebensfeindliche Umgebung mit sich bringt, würde einen
inneren sozialen Zusammenhalt notwendig machen, der im Kontrast steht zu den
Beziehungen von Schiffen / Habitaten untereinander, die eher von äußeren
Zufälligkeiten geprägt sein dürften. Kurz und bündig: Sozialismus im Innern,
Anarchie nach außen. Auf lange Sicht sind diese weitreichenden Auswirkungen
unabhängig von den sozialen und ökonomischen Ausgangsbedingungen, die ihre
Auslöser waren.
Lassen Sie
mich an dieser Stelle einer persönlichen Überzeugung Ausdruck geben, die
gerade jetzt zutiefst unpopulär erscheint: eine Planwirtschaft kann produktiver
und moralisch wünschenswerter sein als eine Wirtschaft, die den Kräften des
Marktes überlassen ist.
Der freie
Markt ist ein gutes Beispiel für die Methode der Evolution, die
-Versuch-alles-und-schau-dann-ob-es-funktioniert- Näherungsweise. Das würde
ein moralisch vollständig zufriedenstellendes Management der Ressourcen
gewährleisten, solange es absolut keinen Zweifel darüber gibt, dass ein
fühlendes Wesen niemals bloß als Rohstoff behandelt wird. Der Markt ist und
bleibt, trotz all seiner (nicht eben eleganten) Kompliziertheit ein grobes
und im Wesentlichen blindes System. Ohne drastische Verbesserungen, die
freilich seine ökonomische Wirksamkeit – die als sein größter Vorteil gelten
– mindern würden, ist er absolut unfähig, zwischen simpler Nutzung von Stoffen,
die aus prozessbedingtem Überfluss stammen, und der Nutzung vernunftbegabter
Wesen, denen er Leid und Entbehrung zufügt, zu unterscheiden.
Dieses
mechanistische (und in diesem Sinne perverserweise unschuldige) System auf
ein Niveau zu heben, das gängigen moralischen, philosophischen und
politischen Werten und Überzeugungen entspricht, wäre Voraussetzung. Bislang
stellt es lediglich überzeugend die intellektuelle Naivität der Menschheit
zur Schau und ihre Fähigkeit, durch unmäßige Selbstsucht eine Art
synthetisches Böses zu schaffen.
Verstand,
der in der Lage ist, weiter zu sehen als bis zum Tellerrand, kann sich
längerfristig Ziele setzen und auf diese hinarbeiten; die gleiche Menge
unausgegorenen Einfallsreichtums, die in alle Richtungen aus dem Markt
hervorbricht, könnte – bis zu einem bestimmten Grad – kanalisiert und
gebündelt werden. Während der freie Markt lediglich glänzt (und die
Abhängigen verarmen), wäre eine solche –soziale- Marktwirtschaft wie ein
Laser, strahlend, kohärent, effizient und gerichtet auf ein gemeinsames Ziel.
Was jedoch für ein solches System unabdingbar ist, und was bei den in unserer
Welt erprobten Planwirtschaften immer gefehlt hat, das ist die fortwährende,
enge und ausschlaggebende Anteilnahme der Masse der Bürgerschaft bei der
Bestimmung dieser Ziele. Und bei dem Entwurf wie auch der Durchführung der
Pläne, die zu ihnen hinführen sollen.
Es besteht
natürlich bei jedem mit Bedacht ins Auge gefassten Plan die Möglichkeit
glücklicher wie unglücklicher Zufälle, und das Ausmaß, bis zu welchem das die
höheren Funktionen einer demokratisch entworfenen Ökonomie beeinträchtigte,
würde einer der wichtigsten festzulegenden Parameter sein. Wie wir heute die
Menge der Informationen, die wir in unseren Bibliotheken und öffentlichen Einrichtungen
gespeichert haben – die jene in unseren Genen angelegten übertrifft und
vielleicht wichtiger ist als diese –, kopieren können mithilfe der Elektronik
– einer Technik, die wir innerhalb eines Jahrhunderts entwickelt haben, für
die die Evolution Milliarden Jahre brauchte –, so sollten wir eines Tages die
Misshelligkeiten eines freien Marktes zugunsten der exakten Gestaltung der
Planwirtschaft aufgeben.
Die GETRAS
hat natürlich auch dieses Stadium längst hinter sich gelassen und sich zu
einem Wirtschaftssystem hin entwickelt, das Teil der Gesellschaft ist und
eigentlich keiner gesonderten Definition bedarf; einem System, das nur durch
Vorstellungskraft, Philosophie (und Lebensart) und die Idee von einer minimal
verschwenderischen Eleganz eingeschränkt ist – eine Art
galaktisch-ökologisches Bewusstsein, verbunden mit dem Wunsch, Schönheit und
Güte zu schaffen.
Wie auch
immer, am Ende wird (wie stets) die Praxis die Theorie übertreffen.
In der
GETRAS ist, neben dem Naturell ihrer Bewohner und den Beschränkungen und
Möglichkeiten, die dem Leben im Weltraum eigen ist, eine weitere Kraft am
Wirken: die Künstliche Intelligenz.
Es ist
natürlich durchaus möglich, dass wirklich smarte KIs sich weigern werden,
irgendetwas mit ihren menschlichen Schöpfern zu tun haben zu wollen (oder
vielleicht eher, mit den menschlichen Schöpfern ihrer nichtmenschlichen
Schöpfer), aber angenommen, sie wollen – und der Entwurf ihrer Software würde
für eine Anpassung an diesen Wunsch zugänglich sein –, dann wären sie
wahrscheinlich damit einverstanden, im weiteren den Zielen der Zivilisation
ihres Ursprungs dienlich zu sein (die Annahme, zu der wir bald wieder
zurückkehren werden). An diesem Punkt würde die Menschheit, ungeachtet der
Veränderungen, die sie sich selbst durch genetische Manipulation aufbürdete,
nicht mehr länger eine Spezies vom Typ einfachen Empfindens sein. Die Zukunft
unserer Art würde die Zukunft der KI-Lebensformen, die wir schaffen,
beeinflussen, von ihr beeinflusst werden und mit ihr in einer transhumanen
Zivilisation koexistieren.
Die GETRAS
KIs arbeiten mit den Menschen der Zivilisation zusammen. Am Anfang ging es
einfach nur ums Überleben und darum, sich im Raum zu behaupten; später – wenn
die dazu notwendige Technologie alltäglich geworden ist – werden die Aufgaben
eher metaphysisch als psychisch sein und die Ziele der Zivilisation eher
moralisch als materiell.
Niemand wird
in der GETRAS Zivilisation ausgebeutet. Sie ist in ihren
Herstellungsprozessen im Wesentlichen eine automatisierte Zivilisation, in
der menschliche Arbeit auf etwas reduziert ist, das man von Spiel oder Hobby
kaum unterscheiden kann. Es wird auch keine Maschine ausgebeutet. Es ist
möglich, jede (körperliche) Arbeit so zu automatisieren, dass sie durch eine
Maschine erledigt werden kann, die sich deutlich unter der Stufe eines
möglichen Bewusstseins befindet.
Dort, wo die
intelligente Überwachung eines Herstellungs- oder Wartungsprozesses
erforderlich ist, würde die damit verbundene intellektuelle Herausforderung
(und die relative Leichtigkeit der dafür nötigen Anstrengung) eine solche
Überwachung lohnend und erfreulich machen, sei es für Mensch oder Maschine.
Das Maß erforderlicher Überwachung kann auf einen Wert festgelegt werden, der das
Bedürfnis danach, wie es sich aus dem Naturell der Angehörigen der
Zivilisation ergibt, befriedigt.
Menschen –
und die Sorte von sich selbst bewussten Maschinen, die freudig mit ihnen
zusammenarbeiten würden – hassen es, sich ausgebeutet zu fühlen, aber sie
hassen es auch, sich nutzlos vorzukommen. Eine der wichtigsten Aufgaben bei
der Errichtung und dem Unterhalt einer stabilen und im Innern zufriedenen
Zivilisation ist es, ein annehmbares Gleichgewicht zwischen dem Wunsch nach
Freiheit bei der Wahl der eigenen Aktivitäten und dem Bedürfnis zu fühlen, dass
man, selbst in einer Gesellschaft, die so selbstkorrigierend utopisch ist,
noch etwas zu ihr beiträgt. Da spielt die Philosophie eine große Rolle,
ebenso eine solide Bildung.
In der
GETRAS ist Ausbildung etwas, das nie beendet ist. Sie mag im ersten Zehntel
des Lebens eines Individuums am intensivsten sein, aber sie geht bis zum Tod
weiter. In der GETRAS zu leben heißt, in einer grundlegend rationalen
Zivilisation zu leben, die sich an Wissenschaft und moralischen Werten
ausrichtet. Die GETRAS ist ganz bewusst rational, skeptisch, wissbegierig und
materialistisch.
Alles ist
von Belang und auch wieder nicht. Obwohl die GETRAS von großer Ausdehnung
sein mag, ist sie doch nur spärlich verbreitet, existiert sie bis jetzt nur
in dieser einzigen Galaxis, und ist dort, verglichen mit der Lebenszeit des
Universums, erst seit einem Lidschlag zugange. Es gibt Leben und Vergnügen
dort – na und? Ein Großteil der Materie ist nicht belebt, der Großteil der
belebten verfügt über kein Bewusstsein, und die Wildheit der Entwicklung vor
der Bewusstwerdung (und, zu oft, die nach der Bewusstwerdung) hat unzählige
Leben mit Qual und Leid erfüllt. Und selbst Universen sterben schlussendlich.
Inmitten
davon weiß der durchschnittliche Bürger der GETRAS, dass er sich glücklich
schätzen kann, wo und wann er sich befindet. Ein Teil seiner ursprünglichen
und auch fortlaufenden Ausbildung umfasst das Verständnis, dass weniger
glückliche Wesen als sie – obwohl intellektuell oder moralisch nicht weniger
wert – gelitten haben und anderswo immer noch leiden.
Damit die GETRAS ohne eine tödliche Dekadenz weiterbestehen kann, muss man
immer wieder das Argument vorbringen, dass ihr sorgenfreier Hedonismus kein
naturgegebener Zustand ist, sondern etwas Erstrebenswertes, für das in der
Vergangenheit beharrlich gearbeitet wurde, das nicht leicht erreicht wurde,
und das sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft Wertschätzung und
Erhaltung erfordert.
Es ist das
Verständnis für die Position, die die GETRAS in der Geschichte und
Entwicklung des Lebens in der Galaxis einnimmt, das hilft, die größtenteils
kooperative und grundsätzlich gutartige techno- kulturell taktvolle Politik
voranzutreiben. Aber die Ideen dahinter gehen tiefer. Philosophisch gesehen,
erkennt die KULTUR grundsätzlich an, dass Fragen wie »Was ist der Sinn des
Lebens?« an sich sinnlos sind. Diese Frage setzt – eine Antwort auf sie würde
das sogar verlangen – ein moralisches Bezugssystem voraus, das jenseits des
einzigen Bezugssystems ist, das wir verstehen können, ohne im Aberglauben Zuflucht
zu suchen (und somit das moralische Bezugssystem aufzugeben, das die Sprache
selbst beseelt und symbiotisch mit ihr ist).
Zusammengefasst:
Wir (die Bürger der GETRAS) erschaffen uns unsere eigenen Bedeutungen, ob uns
das gefällt oder nicht.
Das gleiche,
sich selbst erzeugende Glaubenssystem gilt auch für die KIs der GETRAS. Sie
sind mit sehr umfassenden Parametern entworfen, aber diese Parameter sind
vorhanden. Die KIs der GETRAS sind geschaffen, um leben zu wollen und das
biologische Leben welches sie erschaffen hat, zu beschützen. Auch um erfahren
zu wollen, sich danach zu sehnen, zu verstehen, und ihre Existenz und ihre
eigenen Denkprozesse auf eine Art lohnenswert, sogar erfreulich zu empfinden.
Die Menschen
der GETRAS empfänden es, nachdem sie alle die offensichtlichen Probleme ihrer
gemeinsamen Zivilisation arbeiten, wie die Überwindung von Hunger, Mangel,
Krankheiten und der Angst vor Naturkatastrophen und Überfällen, als eine
ziemlich leere Existenz, sich einzig und allein zu vergnügen… und so brauchen
sie die Forschung und Zusammenarbeit, die es ihnen erlaubt sich nützlich zu
fühlen. Bei den KIs der GETRAS ist dieses Bedürfnis, sich nützlich zu fühlen,
weitgehend durch das Verlangen zu erleben ersetzt worden, aber als Antrieb
ist es nicht weniger stark.
Das
Universum – oder in diesem Zeitalter wenigstens die Galaxis – wartet,
größtenteils unerforscht da draußen, seine rein physikalischen Grundlagen und
Gesetze sind recht umfassend verstanden, aber die Ergebnisse von fünfzehn
Milliarden Jahren sich chaotisch bildender Anordnung und Wechselwirkung jener
Gesetze sind immer noch bei Weitem nicht vollständig erfasst und ausgewertet.
Aus dem
Chaos entstanden ist die Galaxis, nach Gödel, ein wirklich ungeheurer und
unerschöpflich interessanter Ort; ein intellektueller Spielplatz für
neugierige Menschen und auch für Quanten KI Maschinen, die alles kennen,
außer Angst und was im nächsten nicht kartografierten Sonnensystem verborgen
liegen mag.
Hier nun,
denke ich, muss man sich fragen, warum sich eine Zivilisation – und
wahrscheinlich überhaupt jede höher entwickelte Kultur – überall in der
Galaxis bzw. im Universum verbreiten wollte. Es wäre nicht allzu schwierig,
eine Von Neumann-Maschine zu bauen, die von sich selbst Kopien anfertigte und
schließlich, wenn nicht aufgehalten, das Universum in nichts als diese
Eigenkopien verwandelte. Aber die Frage stellt sich – warum? Was wäre der
Sinn? Oder um es in Worte zu fassen, die uns anrüchig erscheinen mögen, für
einen Bewohner der GETRAS jedoch absolut ernst zu nehmen sind: Wo bleibt
dabei der Spaß, die Befriedigung von Neugierde?
Anteilnahme
– die Freude an Erfahrung, am Verstehen – ergibt sich aus dem Unbekannten.
Verstehen ist ebenso ein Vorgang wie ein Zustand, der den Übergang vom
Unbekannten zum Bekannten bezeichnet, vom Zufälligen zum Geordneten … ein
Universum, in dem alles bereits vollständig verstanden ist, und wo
Eintönigkeit die Abwechslung abgelöst hat, wäre für jede intelligente
Lebensform mit Selbstachtung ein Fluch.
Wahrscheinlich
empfinden nur Menschen die Idee der Von- Neumann- Maschinen als beängstigend,
weil wir die Besessenheit des Ethos halbwegs verstehen – und sogar zum Teil
damit verbunden sind –, den diese Konstrukte verkörpern. Eine KI würde diese
Vorstellung für verrückt, lächerlich und – vielleicht als am schlimmsten von
allem – langweilig halten. Das soll nicht heißen, dass nicht gelegentlich
dieses Von-Neumann- Maschinen-Ereignis hier und da einmal auftaucht
(wahrscheinlich eher durch Zufall als geplant), aber es ist unwahrscheinlich,
dass etwas derart zügellos Monomanes lange überdauert, wenn es auf Wesen
stößt, die mit einem ausgereifteren Verstand begabt sind, und die wirklich
nur die Software der Von-Neumann-Maschinen etwas verändern und Freundschaft
schließen wollen …
Eine Idee, die
der GETRAS zugrunde liegt, ist, dass sie durch zyklische Stufen gegangen ist,
während derer es umfassende Mensch-Maschinen-Kontakte gegeben hat, und
umfassende genetische Veränderungen die Norm gewesen sind. Im aktuellen
Zeitalter sind die Angehörigen der GETRAS wohl zu einer mehr »klassischen«
Art von Beziehung mit den Maschinen und den Möglichkeiten ihrer eigenen Gene
zurückgekehrt. Die GETRAS erwartet und nimmt – ungeachtet längerfristiger
Trends – Moden dieser Art auf. Sie kann auf Zeiten zurückschauen, in denen
die Leute einen großen Teil ihres Lebens im, wie wir es heute nennen würden,
Cyberspace verbrachten, und auf Epochen, in denen die Menschen es vorzogen,
sich selbst oder ihre Kinder durch genetische Manipulationen zu verändern,
und so eine Vielzahl von morphologischen Subspezies schufen. Überbleibsel
dieser verschiedenen Wellen zivilisationärer Moden lassen sich über die ganze
GETRAS verstreut finden, und eigentlich trägt jeder Bürger die Resultate von
genetischen Manipulationen in jeder Zelle seines Körpers.
Dieser
genetisch- nanotechnischen Manipulation ist es zu verdanken, dass der
durchschnittliche Mensch der GETRAS heil und gesund und mit einer
signifikanten (wenn auch nicht gewaltig) höheren Intelligenz geboren wird,
als in seinem fundamentalen menschlichen genetischen Erbe angelegt war. Es
gibt Tausende von Änderungen an diesen menschlichen Erbanlagen –
Hornhautbildung, ohne Blasen zu bekommen, sowie ein Filter, der das Gehirn
vor Blutgerinnsel schützt, sind nur zwei der weniger wichtigen. Die größten
Änderungen aber, mit denen ein normaler Vertreter der GETRAS erwartet geboren zu
werden, umfassen ein perfektioniertes Immunsystem und erweiterte Sinne. Die
Freiheit von Erbkrankheiten und Behinderungen, die Fähigkeit, seine autonomen
Prozesse und das Nervensystem zu beherrschen (als Folge davon kann Schmerz
ausgeschaltet werden). Und Verwundungen zu überleben und von ihnen voll zu
genesen, die jemanden ohne solche genetischen Veränderungen töten oder
bleibend verstümmeln würden.
Die
überwiegende Mehrheit der Leute wird darüber hinaus mit umfassend veränderten
Drüsen in ihrem Zentralnervensystem geboren, üblicherweise als
»Drogen-Drüsen« bezeichnet. Diese sondern – auf Befehl – gefühls- und
sinneswahrnehmungsändernde Stoffe in den Blutstrom ab. Die Mehrzahl der
Bewohner der GETRAS hat raffiniert veränderte Fortpflanzungsorgane – und
kontrolliert sie über die verbundenen Nerven –, um das sexuelle Vergnügen zu
vergrößern. Bei Frauen findet der Eisprung auf Wunsch statt, und ein Fötus
kann bis zu einem gewissen Stadium reabsorbiert oder abgestoßen werden.
Es wird
vorausgesetzt, dass GETRAS Bürger durch sich selbst regulierende Mechanismen
dieser Art ein ungefähres Gleichgewicht in den Belangen sozialen Zusammenlebens
erreicht, und sich in einer Art längerfristigem, zivilisatorischem
Hauptabschnitt eingerichtet hat, der für die absehbare Zukunft anhalten soll.
Menschen
leben in der GETRAS normalerweise lange und immer länger; (aktuell sind etwa
130 Jahre das Durchschnittsalter). Der Großteil ihres Lebens besteht aus
einem rund hundertjährigen Plateau, das sie, nach einem während der Kindheit,
Jugend und frühem Erwachsensein vergleichsweise normal lange dauerndem
Reifeprozess, bis sie das Mitte der Zwanziger vergleichbaren Alter erreichen.
Während dieser hundert Jahre altern sie sehr langsam, fangen gegen Ende dann
schneller an zu altern, um schließlich zu sterben. Der Tod wird als Teil des
Lebens angesehen, und nichts, das Universum inbegriffen, währt ewig. Es wird
als schlechte Manieren angesehen, wenn versucht wird zu behaupten, dass der
Tod irgendwie nicht natürlich sei; stattdessen wird der Tod als dem Leben
formgebend aufgefasst.
Die
Sternenschiffe der GETRAS – das sind alle Schiffsklassen über den
interplanetaren – sind eigenbewusst; ihre Gehirne sind hochentwickelte
Quanten- KIs. Sie weisen das gleiche Verhältnis zu der Struktur des Schiffes
auf, wie das menschliche Gehirn zum menschlichen Körper. Das Hirn ist der
wichtigste Teil, der Rest ist ein Lebenserhaltungs- und Fortbewegungssystem.
Menschen und autonome, einzelne KIs
mit ungefähr menschenähnlicher Intelligenz, sind für den Betrieb eines
Sternenschiffes nicht wirklich unbedingt notwendig. Dennoch gibt es auf
praktisch allen Sternschiffen menschliche Besatzungen und Kommandostrukturen.
Es hat sich
als problematisch herausgestellt, QKIs ganz alleine Schiffe führen und mit
Hilfe von wenig intelligenten Wartungsrobotern warten / reparieren zu lassen.
Interstellere Raumreisen dauern lange, oft viele Jahre. Eine sich selbst
bewusste, hochintelligente QKI hat ähnliche Probleme mit dauerhaftem alleine
sein, wie Menschen. Letzteres kann bald zu „psychischen“ Schäden bei den
Quanten- Intelligenzen führen, welche wiederum Fehlfunktionen oder gar
Selbstvernichtung auslösen.
Die meisten
interstellaren Schiffe der GETRAS sind Handels-, Konstruktions-, Prospektoren
und Forschungsschiffe; letztere sind mit der Entdeckung, Katalogisierung,
Erforschung, Bewertung und – falls für klug erachtet – dem Austausch mit anderen
Zivilisationen befasst. Des weiteren ist sich die GETRAS als Ganzes und
insbesondere in der Führungsschicht selbstverständlich bewusst, dass die
Galaxis und sicherlich das gesamte Universum, ein gefährlicher Ort ist. Daher
gibt es starke, militärische Flotten mit Kampfschiffen, welche es beispielsweise
mit feindlich gesinnten Aliens aufnehmen können; zumindest wenn diese
Technologisch nicht weit voraus sind und eine signifikant höhere Stufe der
Entwicklung erreicht haben.
Die Schiffe
mit denen ein GETRAS normalerweise zu tun hat, sind Kreuzfahrtschiffe,
interstellare Passagierschiffe, die Leute von Habitat zu Habitat
transportieren und die interessanteren Systeme, Sterne, Nebel, Löcher und so
weiter in der Nachbarschaft besuchen. Diese Art von Tourismus ist eine
langfristige Mode; Leute reisen nicht, weil sie müssen, sondern weil sie
können. Sie könnten zu Hause bleiben und sich, mittels dessen, was wir
allgemein Virtuelle Realität nennen, den Anschein geben, zu exotischen Orten
zu reisen.
Planeten
spielen im Leben des durchschnittlichen GETRAS Bewohners eine geringe,
untergeordnete Rolle; es gibt ein paar „interessante“ Planeten doch nur der
Bruchteil eines Prozents der GETRAS Bürger lebt auf ihnen. Nicht wenige
Menschen leben dauerhaft auf Schiffen und bevorzugen einen nomadischen
Lebensstil. Es leben mehr Leute in Felsen, ausgehöhlten Asteroiden und
Planetoiden. Die große Mehrheit der Bürger lebt in größeren künstlichen Habitaten;
diese großen Strukturen befinden sich meist stationär auf Librationspunkten
im Weltraum eines Sonnensystems.
Der größte
Reiz von künstlichen Habitaten liegt in ihrer Materialeffizienz. Es wäre
möglich, aus einem Planeten von der Größe der Erde, mit dem gleichen
Materialverbrauch, unzählige komplette Habitate zu bauen, welche insgesamt
signifikant mehr –relativ luxuriösen- und sicheren Lebensraum bieten, als der
Bevölkerung eines Planeten.
Selbstverständlich
würde die GETRAS nicht so etwas Sträfliches tun und einen Planeten
auseinandernehmen, um Habitate daraus zu machen. Wenn man die
vagabundierenden Trümmer benutzt, die das durchschnittliche Sonnensystem
aufweist (hauptsächlich Kometen und Asteroiden) und die ohnehin eine solche
künstliche Welt durch Kollision bedrohen würden, bietet das allein genug
Material für den Bau von viele Habitaten (eine Vorgehensweise, deren Eleganz
überwältigend beeindruckt). Abgelegene Schürfgebiete wiederum bieten
interstellare Materie in Form von Staubwolken, Braunen Zwergen und
dergleichen, aus denen die Menge an Masse, die selbst für Megastruktur
Habitate gebraucht wird, mit vernachlässigbaren Folgen entfernt werden
könnte.
Aus welchem
Material Orbitale auch immer bestehen, sie sind weitaus materialeffizienter
relativ zum Lebensraum, den sie bieten, als Planeten. Die GETRAS betrachtet
Terraforming grundsätzlich als ökologisch unsinnig; die Wildnis sollte in
ihrem ursprünglichen Zustand belassen werden, wenn es so einfach ist, aus so
wenig ein Paradies im Raum zu erschaffen.
Die
Gesellschaftsform des sozialen Zusammenlebens in der GETRAS, kennt eigentlich
keine Gesetze im ursprünglichen Sinne. Natürlich gibt es anerkannte
Verhaltensformen – Gepflogenheiten –, aber nicht das, was wir früher als
gesetzlichen Rahmen im Sinne von Strafen ansehen haben. Dass niemand mit
einem spricht, man nicht zu Partys eingeladen wird, man anonyme sarkastische Bemerkungen
und Geschichten über sich im Informationsnetz findet, das sind die in der
GETRAS üblichen Formen, einem diese Spielregeln beizubringen. Das
allerschlimmste Verbrechen wäre natürlich Mord (definiert als irreparabler
Gehirntod, oder, im Fall einer QKI, vollständiger Verlust der
Persönlichkeit). Die Konsequenz – Strafe, wenn man so will – ist das Angebot
einer Behandlung, Anpassung genannt. Wird diese nicht angenommen, erfolgt ein
Ausschluss aus der Gemeinschaft der GETRAS, mit Verlust aller Bürgerrechte
und eine konsequente Verbannung der betreffenden Person.
In einer
Gesellschaft, in der materieller Mangel, zum eigenen Überleben quasi
unbekannt ist und der einzige echte Wert ein gefühlsmäßiger Wert ist, gibt es
wenig Anlass oder Gelegenheit für die Art von Handlung, die früher als
Eigentumsdelikt bezeichnet wurde.
Größenwahnsinnige
oder sich aus welchen persönlichen Gründen nicht an die sozialen
Verhaltensregeln haltende Individuen, sind in auch der GETRAS nicht
unbekannt, aber sie werden meistens erfolgreich durch höchst komplizierte
Spiele abgelenkt. Es gibt ganze Habitate, wo speziell solche philosophisch
schlichten, obsessiven Spiele abgehalten werden, obwohl die meisten in
Virtueller Realität stattfinden. Für den Größenwahnsinnigen ist der Besitz
eines eigenen Raumschiffs so etwas wie ein Statussymbol; das wird von den
meisten Leuten als überflüssig angesehen, ist aber nützlich, wenn der Zweck
seines Besitzes dazu führt, dass sich der Betreffende von der GETRAS
absondert und – sagen wir – sich als Gott oder Herrscher auf einem
abgelegenen Planeten aufspielen will.
Der Person
mag freigestellt sein, ihr logischerweise nicht QKI gelenktes Schiff zu einem
Planeten zu steuern und sogar zu landen, aber Sicherheitsdienste der GETRAS
haben gleichermaßen die Freiheit, ihr zu folgen, wohin diese auch geht, und
zu tun, was immer sie für angebracht halten, um sie oder ihn davon
abzuhalten, irgendeiner Zivilisation irgendetwas Schädliches oder
Unerfreuliches anzutun. Dies ist eher frustrierend. Dagegen sind Virtuelle
Realitäts-Spiele – bis hin zu alles umfassenden Stufen, in denen der Spieler
echte und anhaltende Anstrengungen unternehmen muss, um in die wirkliche Welt
zurückzukehren, und sogar vergessen kann, dass es sie gibt – weitaus
befriedigender.
Trotzdem
gibt es Einige, meist verblüffend irrationale Individuen, die auch diesen
Fluchtweg ablehnen, und die GETRAS gänzlich verlassen. Sei es hin zu einer
Zivilisation, die ihnen besser passt, und wo sie in einem System agieren
können, dass ihnen die Art von Belohnung gibt, die sie suchen. Der GETRAS auf
diese Weise zu entsagen, bedeutet auch, den Zugang zu ihrer Technologie zu
verlieren und geht selbstverständlich ebenfalls mit dem vollständigen Verlust
aller Bürgerrechte anheim. Auch hier überwachen die Sicherheitsdienste den
Eintritt solcher Leute in ihre ausgesuchte Zivilisation, damit garantiert
ist, dass sie nicht unangemessene Vorteile aus der einheimischen Bevölkerung
ziehen, und behält sich die Möglichkeit vor einzugreifen, wenn sie es für
angebracht hält. Ein paar solcher dem Anschein nach irrational asozialer
Personen werden sogar von den Sicherheits- & Geheimdiensten selbst genutzt,
Auch QKIs
können unter ähnlichen Persönlichkeitsproblemen leiden, insbesondere wenn sie
zu lange alleine, ohne soziale Interaktion zu ihren Erschaffern, oder anderen
QKIs waren. Solche Maschinen werden vor die Wahl gestellt, zu kooperieren und
sich neu gestalten –anpassen- zu lassen und eine eingeschränktere Rolle in
der GETRAS zu spielen, als sie sonst gehabt hätten, oder ein ähnlich
beschränktes Exil.
Das
politische Geschehen in der GETRAS besteht aus lokalen Bürgerentscheidungen
über Streitfragen, wann immer solche akut werden. Im Allgemeinen kann jeder
eine Abstimmung über jedes Thema zu jeder Zeit initiieren; jeder Bürger hat
eine Stimme. Bei Streitfällen, die irgendeine Untereinheit oder einen Teil
des ganzen Habitats betreffen, können alle – Mensch oder Maschine –, die mit
Grund behaupten können, von dem Ausgang der Wahl betroffen zu sein, ihre
Stimme abgeben.
Meist werden
über das Informationsnetz Meinungen geäußert und Standpunkte zu Streitfragen
vorgetragen, und dort kann eine Person am meisten persönlich Einfluss
ausüben, vorausgesetzt, dass die Entscheidungen, die als Ergebnis dieser
Stimmabgaben erreicht wurden, von einer QKI oder einer anderen übergeordneten
Maschine umgesetzt und überwacht werden. Die Menschen handeln dabei mehr als
eine Art Vertrauensoffiziere (üblicherweise auf Rotationsbasis) als in
irgendeiner entscheidungsbevollmächtigten Exekutivfunktion.
Eine der
wenigen Regeln, die die KULTUR über haupt befolgt, ist, dass der Zugang einer
Person zu Macht umgekehrt proportional zu ihrem Streben danach sein sollte.
Es ist eine traurige Tatsache für den aufstrebenden politischen Ehrgeizling,
dass die Hebel der Macht äußerst weit verteilt und zudem sehr kurz sind
(siehe den Absatz über Größenwahnsinnige). Der intellektuell- strukturelle
Zusammenhalt in der lebensfeindlichen Umgebung eines Raumschiffs oder
Habitats, begrenzt natürlich die Art von erfolgversprechenden Abstimmungen,
die auf solchen Strukturen möglich sind; obwohl in der Regel selbst die arroganteste
QKI wenigstens vorgibt zuzuhören, wenn seine Gäste vorschlagen – sagen wir –
einen Abstecher zu machen, um eine Supernova zu beobachten, oder die Grünflächen
an Bord zu vergrößern.
Die
eigentliche Regierung für übergeordnete Fragen, wie z. B. Verteidigung,
Militär und das große Ganze der die GETRAS betreffende Entscheidungen, werden
von einer Meritokratie getroffen. Diese setzt sich aus besonders begabten,
intelligenten und fähigen Individuen zusammen, welche in der Vergangenheit
bewiesen haben diese Fähigkeiten objektiv zu besitzen und sich umfassend
dafür qualifiziert zu haben. (Meritokratie bedeutet ja eigentlich nichts
anderes als: = du musst es dir erst verdienen / verdient haben. Manche nennen
es auch wissenschaftliche Technokratie. Objektiv rationale
Wissenschaftlichkeit spielt in der GETRAS die entscheidende Rolle.)
Aus dem
großen Kreis objektiv befähigter Individuen, wählen alle Bürger regelmäßig
eine früheren Parlamenten vergleichbare, Genialität genannte Versammlung von
6.000 Personen. Diese wählen alle 20 Jahre einen sogenannten Prime
(Regierungschef), welcher ein EXKOM (Exekutiv Komitee / vergleichbar
Minister) benennt, welche die eigentliche Regierungsarbeit für die GETRAS im
Ganzen betreibt. Gewöhnlich bleiben diese für Führungsaufgaben objektiv
befähigten Individuen lange Zeit im Amt; nicht selten bis zum freiwilligen
Rücktritt aus z. B. gesundheitlichen oder familiären Gründen oder bis zum
Tode. Es kommt aber auch vor, dass solche Personen nur relativ kurze Zeit ihr
Amt ausüben und sich dann freiwillig zurückziehen, weil ihnen diese Pflichten
nicht zusagen.
Das
Alltagsleben in der GETRAS variiert erheblich von Ort zu Ort, aber es hat eine
generelle Stabilität und Lebenssicherheit, die manche entweder äußerst
friedvoll oder eher absolut enttäuschend / langweilig finden würden, je nach
individuellem Temperament. Früher was man schließlich daran gewöhnt, in
Zeiten großer Veränderungen zu leben. Wir erwarteten früher grundlegende,
auch lebensbedrohliche Krisen und haben gelernt, uns anzupassen – erwarten
sogar, dass wir uns auf eine mehr oder weniger andauernde Weise ständig
anpassen müssen, alle paar Jahre vieles zu wechseln.
Im Gegensatz
dazu produziert die GETRAS auf Dauer. Es ist nicht unüblich, dass z. B. ein Raumschiff
über mehrere Generationen, natürlich ständig modernisiert, was dank
austauschbarer Modulbauweise kein Problem ist, in Dienst bleibt. Wichtige
technologische Fortschritte finden weiterhin statt, aber sie tendieren nicht
dazu, das alltägliche Leben in der Art zu beeinflussen, wie man es früher
kannte. Selbst die relative Homogenität der Leute, die man treffen würde,
wenn man auf einem Habitat lebt – mit relativ wenig Kindern und physisch
alten Leuten –, würde dazu führen, bei uns das Gefühl von Eintönigkeit zu
verstärken, obwohl das Durcheinander der dort existenten genetisch
veränderten, morphologisch extremen Personen dazu beitrüge, das
auszugleichen.
In Bezug auf
persönliche Beziehungen und Familiengruppierungen ist in der GETRAS jede
Anordnung möglich, aber der verbreitetste Lebensstil gründet auf
Gruppen von Leuten gemischter Generationen, die durch lose
Verwandtschaftsbeziehungen verbunden sind, und in einem halböffentlichen
Wohnsitz oder einer Gruppe von Wohnsitzen leben. Ein Kind in der GETRAS zu
sein bedeutet, eine Mutter zu haben, vielleicht einen Vater, wahrscheinlich
keinen Bruder oder keine Schwester, aber eine große Anzahl Tanten und Onkeln
und verschiedene Cousins und Cousinen. Eine Mutter wird es normalerweise
vermeiden, während der ersten paar Jahre im Leben eines Kindes ihr Geschlecht
oder ihren Sexualpartner zu wechseln. (Außer natürlich, man will sein Kind
verwirren …)
In dem
seltenen Fall, dass ein Elternteil ein Kind misshandelt (was auch den Umstand
einschließt, dem Kind die Möglichkeit zur Bildung vorzuenthalten), werden
Personen, die ihm nahestehen – mithilfe des zuständigen Gehirns, einer
Schiff- oder Habitats-QKI, oder in der Art von demokratischem Prozess im
kleinen Maßstab, wie oben beschrieben –, die weitere Entwicklung des Kindes
beaufsichtigen. Ab dem 12 Lebensjahr genießen Jugendliche fast so umfassende
Bürgerrechte, wie sie früher erst ab 18 oder 21 zuerkannt wurden. Mit 16 muss
ein junger Mensch offiziell und bewusst erklären, als eigenständiges und
eigenverantwortliches Mitglied der GETRAS Gemeinschaft angehören, ein
vollwertiger Bürger mit allen Rechten werden zu wollen. Oder alternativ der
Gemeinschaft nicht angehören zu wollen, was wiederum mit einem Verlust aller
Bürgerrechte und ggfls. Verbannung einher geht.
Im
Allgemeinen ermutigt die GETRAS Einwanderung nicht aktiv; das sieht zu sehr
wie eine versteckte Art von Kolonialismus aus. Die bevorzugten Methoden
sollen dazu dienen, anderen Zivilisationen zu helfen, ihr eigenes Potenzial
zu entwickeln, und sind weder dazu gedacht, ihnen die Besten und
Hervorragendsten zu nehmen, noch diese Zivilisation in Miniaturversionen der
GETRAS zu verwandeln. Einzelpersonen, Gruppen und sogar ganz mindere Zivilisationen
werden dennoch gelegentlich Teil der GETRAS, wenn es dafür einen besonderen
Grund gibt.
Trotzdem ist
die Frage nicht leicht zu beantworten, wer oder was die GETRAS eigentlich ist,
sein will oder oder nicht ist. An ihren Rändern dünnt sich die GETRAS ständig
diffundierend aus. Es gibt immer wieder kleine Teile / Fraktionen, die sich
irrational lieber abspalten, als einordnen.
Die
genetische Fixierung, die bei der Gründung der GETRAS das Potenzial für eine
Fortpflanzung zwischen Spezies ermöglichte, ist der offensichtlichste
Indikator dessen, was wir als die Zugehörigkeit von Menschen zur GETRAS
nennen können, aber nicht jeder hat sie. Einige Leute ziehen es aus
ästhetischen oder philosophischen Gründen vor, dem menschlichen Grundtypus
näher zu sein, während einige derart weit von dieser menschlichen Grundlage
weg verändert sind, dass sogar die Fortpflanzung mit ihnen unmöglich ist.
Die
sogenannte Genialität der Meritokraten, ist der einheitlichste und selbst in
galaktischen Maßstäben der beständigste Teil der GETRAS. Obwohl diese nur einen
sehr kleinen Teil der GETRAS darstellt, ist sie so etwas wie eine
Zivilisation innerhalb der Zivilisation, und sie ist für ihren Träger genauso
wenig typisch, wie eine bewaffnete Schutztruppe für einen friedfertigen
Staat. Selbst die Standardsprache, wird nicht von jeder Person in der GETRAS
gesprochen, aber weit außerhalb der Grenzen der Zivilisation noch gebraucht.
Bliebe noch
die Frage zu klären, wie Menschen auf die andere Seite der Galaxis gelangen
und dort eine interstellare Zivilisation aufbauen konnten. Doch darüber
liegen bisher keine fundierten Informationen vor.
Fortsetzung folgt…
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